Deutschland hat ein neues Diskussionsthema. Nein, es ist nicht die Quarantäne von Hertha BSC Berlin. Es ist auch (nicht mehr) das verfassungsrechtlich streitbare Bevölkerungsschutzgesetz der Bundesregierung. Viel mehr sind es knapp 50 Künstlerinnen und Künstler, Schauspielerinnen und Schauspieler mit satirischen Kurzvideos. Deutschland, Land der Dichter und Denker hat Probleme und das ist uns ganz offenkundig wieder vor Augen geführt worden.

Ich möchte in diesem Blogpost meine Sicht erläutern. Daher zuerst zu mir:
Ich bin 26 Jahre jung, selbstständig seit meinem 18. Lebensjahr. Vielem habe ich mich schon gewidmet: Ich bin als Komiker aufgetreten, ich habe geschauspielt und bin nun einige Jahre hauptsächlich Moderator für Events und Veranstaltungen. Ich war schon immer ein politischer Mensch, habe mich früh engagiert. Mittlerweile habe ich meine politische Heimat gefunden – bei den Freien Demokraten.
Aber das soll nur eine kurze Erläuterung sein. Ich bin kein Querdenker, ich habe nie rechts gewählt.

Und das ist doch schon das erste Problem im heutigen Deutschland! Warum muss ich das eigentlich herausstellen? Weil mir klar ist, in welche Ecke ich gedrängt werde, sobald dieser Post online geht. Weil wir verlernt haben, politischen Diskurs zu akzeptieren, zu pflegen und zu hüten. Wir debattieren auf Einbahnstraßen, ohne Akzeptanz und Respekt für gegenteilige Meinungen. Wann immer man debattiert, scheint das Gegenüber eine Wand zu sein, ohne Durchlass für gute Argumente.

Aber bei #allesdichtmachen klingt sinnvolle Kritik an, es werden Maßnahmen kritisch beäugt und satirisch bearbeitet. Ist das überhaupt verwunderlich? Für mich schreien die aktuellen Maßnahmen, wie die Notbremse des Bevölkerungsschutzgesetzes, nach Satire.
Satire hat sicherlich Grenzen, keines dieser Videos tangiert eine Solche. Im Gegenteil: Heike Makatsch, die ihr Video bereits zurückgezogen hat, hat ein brutal harmloses Stück Kunst veröffentlicht. Sie ist in der Reihe der Schauspielerinnen und Schauspieler nicht die Einzige, die harmlos war, aber sicherlich die Bekannteste.
Um das klar zustellen: Nicht jedes Video ist gelungen, nicht jeder sauber pointiert oder technisch sauber konzipiert. Aber jeder Künstler hat sich mit dem Thema ernsthaft auseinandergesetzt. Und das ist Deutschland jetzt zu zynisch? Wo bleibt die Cancel Culture bei Jan Böhmermann? Er ist in Regelmäßigkeit zynischer, offensiver und erbarmungsloser.

Da ist ja auch bereits das nächste Problem: Wir canceln einfach immer dann, wenn uns etwas nicht passt. Wir erlauben keinen Diskurs. Auf Twitter basteln wir uns die Bubble so wie wir sie gerade benötigen und damit schädigen wir uns gegenseitig. Pluralistische Meinungen, kontroverse Debatten, unterschiedliche Gesichtspunkte – ohne all das wäre die Menschheit nicht dort, wo sie jetzt steht. Wir berauben uns dessen.

Stattdessen canceln wir jetzt lieber Schauspielerinnen und Schauspieler. Oder wenn es nach Garrelt Duin geht, verbannen wir sie aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Klar, so brauche ich nur ertragen, was mir gerade passt. Kann doch so einfach sein.
Oder nicht?

Als Künstler lebst du immer mit der Sorge, dich politisch äußern zu müssen. Bei den meisten Kollegen können wir nicht mal erahnen, welcher politischen Couleur sie zuletzt ihre Stimme gegeben haben. Kritik an der Ruhe bleibt nie aus, sie werden gesucht, die Gegner des Wendlers, des Naidoos oder schon des Nuhrs.
Jetzt wird sich doch geäußert! Auf dem Boden unserer Verfassung, legal, erlaubt, mit keiner Silbe gesetzeswidrig. Aber jetzt passt es auch nicht mehr. Der sympathische Tatort-Schauspieler kann nicht der Meinung jedes politischen Lagers sein. Er kann nicht gleichzeitig Maßnahmen kritisch beäugen und #ZeroCovid für den falschen Weg halten. Und ja, zwischen den Extremen der Corona-Debatte gibt es eine Mitte. Und in dieser Mitte gibt es unterschiedlichste Ausprägungen und Farben.

Häufig habe ich gelesen, mit den Videos würde man rechten Ideologien und den Querdenkern in die Hände spielen. Es wäre genau das, was die brauchen.
Wo kommt das her? Wer bestimmt das eigentlich? Weil Atilla Hildmann auf Telegram Jan-Josef Liefers teilt? Also bitte, es zeigt doch nur eines: Hildmann hat keine Ahnung von Satire. Querdenker haben keine Ahnung von Satire.
Liefers unterstützt mit keiner Silbe deren Tendenzen und Meinungen. Es geht sich schlicht um den Anstoß einer Debatte, um das Verständnis, dass es auch neben rechten Nebelkerzen und verschwurbelten Räucherstäben Positionen gibt.
Ich kann die Maßnahmen kritisieren, seit Monaten für schlecht und undurchdacht halten, ohne an den „großen Austausch“ zu glauben. Oder zu denken, dass in jeder Biontech-Spritze eine Platine von Bill Gates steckt.

Wir müssen verstehen: Demokratie besteht nicht aus Gleichschritt. Dann brauchen wir bald keine Parteien mehr. Und genau da setzen die Schauspielerinnen und Schauspieler doch an: Gleichschritt auflösen. Lasst uns doch endlich fair und offen über Maßnahmen diskutieren!
Es heißt dann aber, die privilegierten Elite-Schauspieler haben einfach reden, wenn sie letztes Jahr nur 100.000€ verdient haben.
Aber genau darum geht es doch nicht. Es geht um die Kollegen, die man nicht kennt. Es geht um die Kollegen, die seit über 2 Jahren nicht mehr auf einer Bühne gestanden haben.

Auch für mich war der Lockdown ein existenziell gefährliches Unterfangen. Ich habe Verluste gefahren, die die wenigsten Menschen in meinem Alter auffangen können. Und ich habe versucht Arbeit zu finden, ich habe versucht Bühnen und Jobs zu finden. Sie existieren kaum. Ich habe vor wenigen Tagen meine erste Rechnung seit Oktober geschrieben. Kein gutes Gefühl. Und nein, lange halte ich das finanziell nicht mehr durch.
Darum soll die Debatte gehen: Was ist die Perspektive? Wo führt uns der Weg eigentlich hin? Welche Pläne zur Öffnung haben wir eigentlich?
Das ich es jemals sagen werde … Ich beneide die Briten. Boris Johnson macht etwas besser als Angela Merkel. Traurig.

In diesem Sinne: Lasst uns #allesdichtmachen als Anschub für Debatten nutzen. Schauen wir über unsere eigenen Tellerränder. Ich zweifle an den Maßnahmen. Trotzdem lasse ich mich regelmäßig testen. Trotzdem werde ich keinen Menschen anstecken. Aber ich möchte, dass man mir zuhört, dass Peter Altmaier nicht nur sagt, es würde jedem geholfen und keiner fällt durchs Raster.

Ist das schon zu viel verlangt?

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